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Łódź ist unser Geheimtipp für einen Wochenendtrip nach Polen. In unserem Łódź-Guide zeigen wir euch die schönsten Sehenswürdigkeiten der viertgrößten Stadt Polens – von zu Einkaufszentren und hippen Kulturräumen umfunktionierten Fabriken über beeindruckende Murals und andere Street-Art bis zu einer der längsten Einkaufsstraßen Europas. Welche Museen sind einen Besuch wirklich wert? Wo kann man die jüdische Geschichte der Stadt entdecken? Und was hat Łódź mit Hollywood zu tun? Das und mehr lest ihr in diesem Beitrag.
Obwohl wir schon fünf Jahre in Berlin wohnen und die polnische Grenze quasi nebenan liegt, haben wir es seitdem – abgesehen von einem Spaziergang auf Usedom nach Świnoujście/Swinemünde – noch nicht in unser Nachbarland geschafft. Dabei bietet sich Polen, gerade von Berlin aus, perfekt für kurze Städtetrips an. Höchste Zeit also, das zu ändern! Für unseren Wochenendtrip nach Polen haben wir uns allerdings nicht Warschau oder Danzig ausgesucht, sondern das deutlich unbekanntere und völlig unterschätzte Łódź. Die Stadt dürfte vielen nur vom Vicky-Leandros-Hit („Theo, wir fahr’n nach …“) bekannt sein und weniger aus eigener Erfahrung. Dabei findet sich hier, mitten im Herzen von Polen, ein echter Geheimtipp für einen Wochenendtrip!
Wir haben an einem langen Wochenende Anfang Mai riesiges Glück mit dem Wetter und lernen die Stadt grün, sonnig und lebendig kennen. Die vielen roten Backsteingebäude der ehemaligen Textilfabriken, die das Stadtbild von Łódź prägen, heben sich wunderschön gegen den strahlend blauen Himmel ab und bieten perfekte Fotomotive. Die polnische Stadt zeigt sich zudem jung, bunt und hip, was nicht zuletzt an der überall zu entdeckenden Street-Art und den umfunktionierten Fabrikgebäuden liegt. Gleichzeitig schafft es die Stadt, mit ihren leicht schrabbeligen Ecken, Plattenbauten und kunstvoll abbröckelnden Fassaden noch ihre rauen Kanten zu behalten und sorgt so für ein abwechslungsreiches und spannendes Stadtbild.
Was Łódź so besonders macht und welche Sightseeing-Highlights, Museen und schönen Ecken ihr nicht verpassen solltet, erfahrt ihr in diesem Beitrag in unseren Łódź-Tipps für ein langes Wochenende. Und weil wir zwischen Fabrikhallen, Hinterhöfen und Einkaufsstraßen auch hervorragend gegessen haben, verraten wir euch unsere kulinarischen Tipps für Łódź in einem eigenen Blogpost (folgt bald).



Łódź: Eine Stadt, die sich immer wieder neu erfinden musste
Um Łódź (im Deutschen oft „Lodz“ geschrieben, gesprochen: „Wudsch“) zu verstehen, muss man einen Blick auf seine wechselvolle Geschichte werfen. Łódź ist gewissermaßen eine junge Stadt. Zwar reichen die Ursprünge bis ins Mittelalter zurück, aber lange Zeit lebten hier nur wenige Hundert Menschen – 1820 war Łódź noch ein Dorf mit unter 1000 Einwohner*innen. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts begann der Aufstieg zur heute viertgrößten Stadt Polens mit knapp 650.000 Einwohner*innen. Damals wurde Łódź per Dekret als Industriestandort ausgewählt und entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte zur größten Textilmetropole Mitteleuropas. Es entstanden Hunderte Fabriken, prächtige Bürgerhäuser und Mietskasernen. Der rasante Wachstum brachte Łódź den Beinamen „Manchester des Ostens“ ein oder auch – nach dem Roman des Nobelpreisträgers Władysław Reymont – „das gelobte Land“ (dem Roman bzw. vor allem der Verfilmung begegnen wir bei unserem Besuch übrigens immer wieder). Die prägenden Industriellenfamilien Geyer, Scheibler, Poznański und Grohmann haben überall in der Stadt ihre Spuren hinterlassen; ihre opulenten Paläste stehen bis heute oft direkt neben den riesigen roten Backsteinfabriken, mit denen sie ihr Geld verdient haben. Viele von ihnen kann man auch heute noch besichtigen.
Gleichzeitig entwickelte sich Łódź zu einer Stadt der vier Kulturen: Pol*innen, Deutsche, Jüdinnen*Juden und Russ*innen lebten und arbeiteten hier zusammen. „Auf dem Amt Russisch, in der Fabrik Deutsch, auf der Straße Polnisch“, lautete ein geflügeltes Sprichwort. 1939 war Łódź mit einem jüdischen Bevölkerungsanteil von rund einem Drittel das zweitgrößte Zentrum jüdischen Lebens in Polen nach Warschau. Mit der deutschen Besatzung, der Umbenennung in „Litzmannstadt“, der Errichtung eines der größten Ghettos und der anschließenden Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungslager wurde dieses Leben fast vollständig ausgelöscht.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb Łódź ein wichtiges Industriezentrum, bis nach 1989 viele der Textilfabriken langsam pleitegingen und schließen mussten. In der Stadt herrschte zeitweise die höchste Arbeitslosigkeit Polens. Erst Anfang der 2000er Jahre begann sich Łódź langsam zu erholen, und seitdem werden immer mehr der früheren Fabriken (die teils unglaublich groß sind) in wunderschöne Einkaufszentren, Kulturkomplexe oder Restaurants umgewandelt. Rund 200 alte Fabriken stehen allein im Stadtzentrum, viele davon jahrzehntelang als Spekulationsobjekte verfallen. Aber immer mehr werden revitalisiert und verwandeln sich in neue lebendige, kulturelle Orte. Die vielen bröckelnden Mauern und Fassaden der Stadt bieten zudem viel Platz für Street-Art; in der ganzen Innenstadt kann man an jeder Ecke große und kleine Murals entdecken. Heute bietet Łódź eine lebendige Mischung aus Industriecharme, Kunst und Kultur – dazu zahlreiche, teils ganz neue Museen (übrigens alle mit englischen Texten und/oder Audioguides), gute Restaurants und hübsche Cafés an jeder Ecke.
Übrigens: Der Name der Stadt bedeutet „Boot“, der Fluss heißt Łódka („kleines Boot“) und verläuft heute größtenteils unterirdisch. Das Boot findet man trotzdem an vielen Stellen, im Stadtwappen wie auf Häuserwänden.



Anreise und unterwegs in Łódź
Łódź liegt sehr zentral im Herzen von Polen, rund 130 km südwestlich von Warschau, und ist per Bahn, Bus und Auto gut erreichbar. Von Berlin aus braucht man mit dem Zug etwa 5,5 Stunden, mit dem Fernbus etwa 6 bis 6,5, mit dem Auto etwa 4,5 Stunden. Für ein langes Wochenende also durchaus machbar.
In der Stadt selbst sind wir fast ausschließlich zu Fuß unterwegs. Die Innenstadt ist kompakt und lässt sich super erlaufen. Ehrlich gesagt ist Laufen hier die halbe Attraktion, weil man sonst all die schönen Hinterhöfe und Murals verpassen würde. Für die etwas abgelegeneren Ziele nutzt man am besten die gut ausgebaute Straßenbahn oder nimmt sich ein Taxi.
Ulica Piotrkowska: eine der längsten Einkaufsstraßen Europas
Hier startet am besten jede Erkundung von Łódź: auf der Piotrkowska-Straße. Die zentrale Flaniermeile ist über 4 km lang – vom Plac Wolności im Norden bis zum Plac Niepodległości im Süden – und damit eine der längsten Einkaufsstraßen Europas. Die eigentliche Fußgängerzone reicht vom Plac Wolności bis zur Kreuzung Józefa Piłsudskiego und ist immer noch gut 2 km lang. Hier gibt es viele Geschäfte, aber vor allem Restaurants und Bars. Besonders am Wochenende ist es auch spätabends noch voller Leben. Auch architektonisch ist die Straße spannend: Hier findet man herausgeputzte und hübsch verzierte Stadthäuser aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Wer genau hinschaut, entdeckt bei den Verzierungen hin und wieder Webstuhlteile oder Spindeln, denn die Textilindustrie hat in Łódź bis heute überall ihre Spuren hinterlassen. Es macht Spaß, die Piotrkowska entlangzuschlendern, in einem der zahlreichen Cafés etwas Süßes zu holen und rundherum auf Street-Art- und Hinterhofjagd zu gehen.




Die schönen Hinterhöfe der Piotrkowska
Was die Piotrkowska und ihre Seitenstraßen aber ganz besonders macht, sind die zahlreichen künstlerischen Hinterhöfe. Die Grundstücke entlang der Straße sind nur etwa 21,5 Meter breit, dafür aber bis zu 300 Meter lang – ein Erbe der Zeit, als die Parzellen an Handwerker vergeben wurden, die hier erst Flachs anbauten und später Mietskasernen errichteten. Deshalb ziehen sich die Höfe heute so unfassbar weit in die Tiefe. Besonders zwischen dem Plac Wolności und der Straßenbahnhaltestelle Piotrkowska Centrum lohnt es sich, immer mal wieder nach links und rechts in die Innenhöfe zu schauen und abzubiegen. Dort entdeckt man oft Murals, Graffitis und andere Street-Art sowie hübsch mit Lichterketten dekorierte Cafés, Restaurants und Shops. Zwei besonders eindrucksvolle Innenhöfe stellen wir euch hier noch etwas näher vor.


Rose Passage: Innenhof voller Spiegelmosaike
Betritt man durch das große Tor der Piotrkowska 3 den Hinterhof, wird man wortwörtlich geblendet. Hunderttausende kleine Spiegelscherben kleben hier an den Wänden und Stufen der Mietshäuser und reflektieren das Licht je nach Tageszeit und Stand der Sonne wie eine gigantische Diskokugel. Die Künstlerin Joanna Rajkowska hat ihre 2014 fertig gestellte Installation ihrer an Augenkrebs erkrankten Tochter Rosa gewidmet. Die Pasaż Róży oder Rose Passage ist heute der wohl bekannteste Hinterhof Łódź und kann täglich zwischen 8 und 22 Uhr kostenlos besichtigt werden.



The Birth of the Day: Riesengemälde im Hinterhof
Gleich zwei riesige Gemälde des polnischen Künstlers Wojciech Siudmak verschönern den Hinterhof der Więckowskiego 4, einer Seitenstraße der Piotrkowska: „Birds in Paradise“ und „Birth of the Day“. Die Kunstwerke setzen sich aus 260 Keramikkacheln zusammen, die an der Fassade der Häuser angebracht sind. Der Innenhof kann täglich zwischen 6 und 22 Uhr kostenlos besichtigt werden.

Der polnische Walk of Fame, Miś Uszatek und das Witcher-Mural auf der Piotrkowska
Beim Flanieren auf der Piotrkowska sollte man zwischendurch auch mal nach unten schauen, sonst verpasst man einen Abschnitt, der sich Aleja Gwiazd („Allee der Sterne“) nennt – die polnische Antwort auf Hollywoods Walk of Fame mit Bronzesternen für die Größen des polnischen Kinos.
Unser Liebling unter den vielen Skulpturen und Denkmälern, die man auf der Straße entdecken kann, ist allerdings ein kleiner, niedlicher Bär mit Schlappohr: Miś Uszatek, Held des legendären Puppentrickfilmstudios Se-ma-for und erste Station des Łódźer Märchenwegs, ist für uns (und offensichtlich alle anderen Tourist*innen) ein nicht zu verpassendes Fotomotiv. Ihr findet die Bärenskulptur auf der Höhe der Piotrkowska 87.
Am südlichen Ende der Fußgängerzone wartet dann der schrägste Kontrast der Stadt: An einem hohen, absurd langen und wenig einladenden Hochhauskomplex (Piotrkowska 182) prangt seit 2021 das „The Witcher“-Mural, gestaltet von Jakub Rebelka. Hintergrund ist, dass der Autor Andrzej Sapkowskiego (aka der „polnische Tolkien“) aus Łódź stammt und seiner Roman-, Videospiel- und Serienfigur hier ein riesiges Mural gewidmet wurde. Darauf schaut die Figur Geralt von Riva wie Caspar David Friedrichs „Wanderer“ über drei 70 Meter hohe Hauswände in die Ferne. Eines der größten Murals Europas hat den Hochhauskomplex definitiv aufgewertet.



Off Piotrkowska: Hippes Kreativzentrum mit Shops und Restaurants
Einen der schönsten und hipsten Komplexe der Stadt könnt ihr an der Piotrkowska 136/140 erkunden: Das Off Piotrkowska, ein ehemaliges Fabrikgelände, das zu einem etwas alternativeren Ort mit vielen Shops, Restaurants und Kreativflächen umgestaltet wurde. Zwar findet man auch hier schicke Restaurants und Designerläden, aber eben auch einen Club und Ateliers für Künstler*innen. Insgesamt ist das Off Piotrkowska etwas weniger herausgeputzt als andere umfunktionierte Fabrikgelände der Stadt wie Manufaktura oder Monopolis, und gerade deshalb besonders charmant und einladend. An sonnigen Tagen spielt sich auf dem Gelände vieles draußen ab. Ganz besonders schön ist es hier am Abend, wenn die Lichterketten die roten Backsteingebäude in ein schummriges Licht tauchen. Street-Art gibt es auch hier an fast jeder Wand.
Unser Shoppingtipp im Off Piotrkowska: Pan tu nie stał
Bei Pan tu nie stał gibt es hippe Kleidung von polnischen Marken, coole T-Shirts, eine schöne Kinderbuchabteilung (allerdings nur mit polnischen Ausgaben), jede Menge Dekokram, hübschen Schnickschnack und ein niedliches kinderfreundliches Café.






Piotrkowska 217: junger Hotspot in der alten Eisengießerei
Ein Stück weiter südlich, jenseits der Fußgängerzone, liegt in einer ehemaligen Eisengießerei mit dem Piotrkowska 217 der jüngere, kleinere Bruder des Off Piotrkowska: ein Gelände mit Cafés, Bars und Restaurants, auf dem man wunderbar draußen sitzen kann (die Pizzeria sieht sehr gut aus, auch wenn wir es nicht geschafft haben, hier etwas zu probieren). Auch hier findet man einige Murals, u. a. die riesige Ratte des Künstler-Duos Zadek & Polak.
Unser Tipp für eine Pause: Kaffee und Kuchen im Owoce i Warzywa
Gleich am Eingang des Geländes der Piotrkowska 217 wartet mit dem Klubokawiarnia Owoce i Warzywa ein sehr nettes alternatives Klubcafé mit hervorragendem Kaffee, das es zweimal auf den vierten Platz der polnischen Barista-Meisterschaften geschafft hat. Der Flat White ist entsprechend gut und auf der Karte stehen viele vegane und vegetarische Gerichte. Der Chia-Mango-Kuchen schmeckt gesund (aber nicht zu sehr), ist wenig süß und dabei erfrischend und lecker.


Street-Art in Łódź: Polens Hauptstadt der Murals
Die Innenstadt von Łódź ist von vielen hohen, fensterlosen Häuserwänden geprägt, an denen seit Anfang der 2010er Jahre immer mehr Murals entstanden sind, vor allem im Rahmen des Projekts Galeria Urban Forms. Zahlreiche lokale, aber auch internationale Künstler*innen haben sich hier verewigt, sodass inzwischen über 170 Gebäude in Łódź großformatige Kunstwerke zieren. Die Stadt gilt völlig zu Recht als eine der Street-Art-Hauptstädte Polens.
Unsere Street-Art-Highlights in Łódź
- Artur Rubinstein von Eduardo Kobra (Ecke Sienkiewicza/Traugutta): Der brasilianische Künstler Kobra hat dem 1887 in Łódź geborenen Pianisten 2014 ein farbenprächtiges Porträt gewidmet. Eines der schönsten und strahlendsten Murals der Stadt.
- Spitzendecke von NeSpoon (Wólczańska 217): Klöppelspitze nach einem Muster, das die Künstlerin in einem nahe gelegenen Antiquitätenladen gefunden hat. Eine Hommage an die Textiltradition der Stadt und wirklich eindrucksvoll.
- The Weasels Are Stealing Eggs von ROA (Nowomiejska 5): Drei niedliche Wiesel des bekannten belgischen Künstlers zieren die Seitenwand eines Wohnhauses.
- The Witcher von Jakub Rebelka (Piotrkowska 182): Eines der größten Murals Polens und Europas erstreckt sich über drei 70 Meter hohe Hochhauswände und zeigt Geralt von Riva.
- Die Ratte von Zadek & Polak (Piotrkowska 217): Die riesige Ratte des Künstler-Duos prangt etwas abseits der üblichen Pfade an einer Rückwand auf dem Gelände des Piotrkowska 217.
- Das Boot/Łódka von Design Futura (Piotrkowska 152): Das 30 x 20 Meter große Mural greift den Namen der Stadt und einige für Łódź typische Elemente der Stadt auf.
- Łódź-Schriftzug (Monopolis, Kopcińskiego 60/62): Den charakteristischen Buchstabenwürfel findet man im Monopolis-Komplex, dem Gelände einer alten aufwendig renovierten Fabrik.
Eine Karte mit inzwischen mehr als 150 Murals und Graffitis, dazu Tourenvorschläge und eine App gibt es beim Museum für Street-Art, der Fundacja Urban Forms und der Łódź Touristeninformation.






Manufaktura: Von der Textilfabrik zum Unterhaltungs- und Kulturzentrum
Wenn eine Adresse für den Wandel von Łódź steht, dann diese. Aus der ehemaligen Textilfabrik von Izrael Poznański wurde 2006 nach vierjähriger Umgestaltung Manufaktura, ein riesiger Kultur-, Handels- und Freizeitkomplex. Es war das erste große Projekt dieser Art in der Stadt und Vorbild für viele weitere. Die Originalgebäude wurden umfassend renoviert und um Neubauten ergänzt, und das funktioniert überraschend gut: Altes und Neues fügen sich harmonisch zusammen. Was ein Glück, dass die roten Backsteinfabriken auch heute noch so modern aussehen und sich perfekt mit Glasbauten und anderen architektonischen Highlights kombinieren lassen. Gerade bei blauem Himmel ist der weite Hof mit den roten Fabrikfassaden unfassbar fotogen.
Untergebracht sind im Manufaktura u. a. ein Einkaufszentrum, Restaurants (darunter viele Ketten) und Cafés, ein Hotel, ein Kino, eine Bowlingbahn und Museen. Es herrscht eine ausgelassene Kirmesatmosphäre mit jeder Menge Fahrgeschäften, einer Zipline, die quer über den Hof gespannt ist, und allem, was Kinder glücklich macht. Ein Blick lohnt sich außerdem in die Lobby des Hotels Vienna House in einem der ehemaligen Fabrikgebäude. Auch von innen hält das Hotel einige architektonische Besonderheiten bereit und bietet als Highlight einen überdachten Rooftop-Pool mit Blick über das Gelände.





Stadtmuseum im Palast Poznański
Direkt neben Manufaktura steht die opulente Villa von Izrael Poznański, dem zweitreichsten Textilmagnaten von Łódź, der so gleich neben seiner Fabrik wohnen konnte. Der Izrael-Poznański-Palast oder Pałac Poznańskich beherbergt heute das Stadtmuseum von Łódź (Muzeum Miasta Łodzi), und schon das Gebäude allein ist den Eintritt (ca. 15 €) wert. Innen wie außen ist der Bau, der Anfang des 20. Jahrhunderts fertiggestellt wurde, unglaublich pompös, mit vielen Jugendstil-Elementen, hohen Decken und großen, prunkvollen Sälen. Von der Gartenseite ist die Fassade sogar noch beeindruckender, und auch der Garten selbst ist ein hübscher Ort für eine Pause.
Die Ausstellung zum Leben eines Industriellen im 19. und 20. Jahrhundert ist gut gemacht und zeigt viele originale Einrichtungsstücke wie den ausgetüftelten Schrank der Hausherrin, der sich von zwei Seiten öffnen lässt. Dazu kommen Ausstellungen zur Stadtgeschichte und ein Bereich zum Pianisten Artur Rubinstein. Auch „Das gelobte Land“, Reymonts Roman und Andrzej Wajdas Verfilmung von 1975, wird hier ausführlich thematisiert. Gedreht wurde der Film in den 1970er Jahren in Łódź (u. a. im Palast), weil vieles noch original aussah.
Nicht verpassen: Gegenüber vom Poznański-Palast, direkt auf dem WOŚP-Platz vor dem Puro Hotel (in dem sich mit Biotiful auch ein guter Coffeeshop findet) steht eine verspiegelte Herzskulptur, die sich für Selfies geradezu anbietet.





Księży Młyn (Pfaffendorf): Eine Stadt in der Stadt
Wer die Dimensionen des industriellen Łódź verstehen will, sollte sich Księży Młyn (Pfaffendorf) anschauen, das ehemalige Imperium der Familie Scheibler im Osten der Innenstadt. Der riesige Fabrikkomplex der einst reichsten Industriellenfamilie der Stadt umfasst nicht nur wunderschöne rote Backsteingebäude, sondern auch eine komplette Arbeitersiedlung, einst die größte ihrer Art in Europa, sowie ein Krankenhaus und eine Feuerwache. Wirklich eine eigene Stadt inmitten der Stadt, die dem Industriebetrieb gänzlich untergeordnet war.
Unser Tipp: Biegt auf jeden Fall in die Straße hinter dem großen, hübsch renovierten Gebäude ein. Dort wartet eine riesige, komplett unrenovierte Fabrik, die zeigt, wie es hier noch vor wenigen Jahren aussah. In der Gegend gibt es außerdem einige schöne Cafés, und man kann anschließend durch den Park zum Museum der Kinematographie laufen, denn das ist im früheren Palast der Familie Scheibler untergebracht.



HollyŁódź: die Kinohauptstadt Polens
Łódź ist die Kinohauptstadt Polens. Hier sitzen zahlreiche wichtige Produktionsfirmen, hier werden die meisten Filme des Landes produziert und 1899 eröffnete hier das erste Kino Polens. Die Staatliche Hochschule für Film, Fernsehen und Theater ist zudem eine der renommiertesten Filmschulen Europas. Und einen eigenen Walk of Fame gibt es auch. Kein Wunder also, dass man die Stadt auch scherzhaft HollyŁódź (sprich: „Hollywudsch“) nennt. Aufgrund der vielen historischen Bauten wurde Łódź außerdem oft als Filmkulisse genutzt.
Museum der Kinematographie: Filmgeschichte im Scheibler-Palast
Der bekannteste und populärste Film, der in Łódź gedreht wurde, ist „Das gelobte Land“. Natürlich wird er auch im Museum der Kinematographie oder Muzeum Kinematografii w Łodzi ausführlich behandelt. Das Museum hat seinen Sitz in der ehemaligen Villa des Fabrikmagnaten Karol Scheibler, wo ebenfalls einige Szenen des Films gedreht wurden. In der sehr dichten Dauerausstellung erfährt man anhand vieler Originalobjekte alles über die Filmgeschichte in Łódź, aber auch einiges über die allgemeine Geschichte des Kinos und des Filmemachens – wir haben hier beispielsweise erfahren, dass es schon in den 1920er Jahren Filmkameras für den Heimgebrauch gab. Daneben sind einige originale Räume der Villa erhalten, in denen der Reichtum der früheren Besitzer durchscheint. Für ca. 6,50 € Eintritt gibt es viel zu sehen und einiges zum Ausprobieren. Plant also nicht zu wenig Zeit ein!
Neben der Dauerausstellung gibt es wechselnde Sonderausstellungen. Wir haben bei unserem Besuch Glück und erwischen den vorletzten Tag einer wirklich tollen Ausstellung zu den finnischen Mumins – liebevoll gemacht, nicht zu lang und entsprechend voll mit Familien.


EC1: Stadt der Kultur – von Planetarium bis Comic- und Computerspielmuseum
Ein absolutes Highlight und Must-see in Łódź ist das auf dem Gelände eines ehemaligen Kraftwerks eröffnete EC1. In dem riesigen Komplex aus Neubauten und renovierten Industriegebäuden findet man eine Vielzahl an beeindruckenden Attraktionen, mit denen man gleich mehrere Tage verbringen könnte: ein Zentrum für Wissenschaft und Technik, ein Filmmuseum (das Nationale Zentrum für Filmkultur) inklusive mehrerer Kinos (ja, Łódź kann mit gleich zwei Filmmuseen aufwarten!), das modernste Planetarium Polens sowie ein Comic- und Computerspielmuseum (das Zentrum für Comics und interaktive Erzählung). Wir empfehlen, sich für maximal zwei davon zu entscheiden, sonst ist man den ganzen Tag beschäftigt (es sei denn, ihr möchtet das). Unsere Highlights sind ganz klar das Filmmuseum und das Comic- und Computerspielmuseum. Der Eintritt liegt jeweils bei ca. 7,40 €; es gibt aber auch Kombi-Angebote.

Nationales Zentrum für Filmkultur: Tour durch die polnische Filmgeschichte
Im Nationalen Zentrum für Filmkultur gibt es einen sehr guten englischen Audioguide, der einen durch ausgewählte Teile der wirklich sehr umfangreichen Ausstellung führt und einem die Entscheidung abnimmt, für welche Exponate man sich etwas mehr Zeit nehmen sollte. Die Ausstellung ist toll gemacht, modern und interaktiv gestaltet. Anhand von vielen Filmausschnitten kann man sich durch über 100 Jahre polnische Filmgeschichte schauen.

Zentrum für Comics und interaktive Erzählung: Videospielentwicklung mit dem Witcher
Das etwas kleinere Comic- und Computerspielmuseum ist deutlich mehr hands-on. Hier könnten wir locker einen halben Tag verbringen, und das nicht nur, weil zufällig am Tag unseres Besuchs der Star Wars Day gefeiert wird. Am Beispiel des Spiels Witcher III lässt sich hier zum Beispiel der ganze Prozess der Videospielentwicklung praktisch nachvollziehen. Per interaktiven Terminals werden einem Aufbau und Logik von Videospielen hervorragend erklärt. Wer bisher wenig Ahnung von Computerspielen hatte, geht hier definitiv als Expert*in raus. Das frisch erworbene Wissen kann man dann in der Retro-Arcade anwenden, wo man vom Old-school-Snowboard-Simulator bis zu Quake unbegrenzt zocken kann und per digitaler Zeitreise in die 80er und 90er Jahre zurückversetzt wird.
Gleich zwei Etagen sind zudem der Dauerausstellung über Comics gewidmet, die die Geschichte des polnischen und internationalen Comics erzählt und bestimmte Techniken anschaulich erklärt.




Textilmuseum in der Weißen Fabrik
Das Centralne Muzeum Włókiennictwa oder Zentrale Textilmuseum hat seinen Sitz in der Weißen Fabrik von Ludwik Geyer, einem Pionier der Textilindustrie. Dies ist der älteste Fabrikbau der Stadt aus den 1830er Jahren, in dem die erste mechanische Spinnerei und die erste Dampfmaschine von Łódź standen. Schon allein das Gelände ist fotogen, und der vierflügelige Komplex mit Kesselhaus und hohem Schornstein wirklich eindrucksvoll. Die Dauerausstellung ist recht modern gestaltet, wir haben uns mit ihr aber etwas schwergetan: Die Maschinen sind nicht besonders gut erklärt, und insgesamt fällt das Ganze doch eher unter „Special interest“. Wer sich für Industriegeschichte und Textilien begeistert, ist hier goldrichtig, aber wenn die Zeit knapp ist, kann man diesen Stopp zum Preis von ca. 12,70 € auch auslassen.



Jüdische Spuren in Łódź: Ghetto Litzmannstadt, Bahnhof Radegast und der jüdische Friedhof
Um mehr über die jüdische Geschichte der Stadt zu erfahren, schließen wir uns einer Stadtführung an. Eine gute Entscheidung, denn vieles erschließt sich ohne weitere Erklärung kaum, da so wenig übrig geblieben ist. Wo im Februar 1940 im Bereich der damaligen Altstadt von Łódź und des Viertels Bałuty eines der größten Ghettos Europas errichtet wurde, das Ghetto Litzmannstadt, prägen heute vor allem Neubauten das Stadtbild.
Unsere Führung startet am ehemaligen Bahnhof Radegast, der Stacja Radegast, von dem aus rund 200.000 polnische, deutsche, österreichische, tschechische und luxemburgische Jüdinnen*Juden in die Vernichtungslager deportiert wurden. Teil des heutigen Gedenkortes ist der 140 Meter lange Tunnel der Deportierten, an dessen Wänden die Transportlisten hängen.
Von dort führt ein Spaziergang durch das ehemalige Ghettogebiet, vorbei am Denkmal des gebrochenen Herzen, das an die Kinder des Jugendverwahrlagers erinnert und erst 1971 errichtet wurde – vom Lager selbst ist nichts mehr zu sehen. Unsere Guide erzählt von Chaim Rumkowski, dem Vorsitzenden des Judenrats, der im September 1942 die Rede hielt, in der er die Deportation der Kinder und der Arbeitsunfähigen ankündigte, und glaubte, damit Menschen retten zu können. Sie erzählt vom „blinden Max“, einer Art Al Capone von Łódź, um den sich unzählige Legenden ranken und der aus genau dem Viertel stammte, in dem später das Ghetto errichtet wurde. Und sie erzählt von einer Hebamme aus Łódź, die in Auschwitz Hunderte Kinder zur Welt brachte. Unterwegs begegnen uns zudem Graffiti, die Kinder aus dem Ghetto abbilden, und Street-Art mit den Gesichtern von Überlebenden.
Der Neue Jüdische Friedhof ist ein weiterer Ort, für den man sich Zeit nehmen sollte. 1892 angelegt, umfasst er rund 40 Hektar mit etwa 180.000 Grabstätten und ist damit – gemessen an der Zahl der Gräber – der größte erhaltene jüdische Friedhof Europas. Auch rund 43.000 Opfer des Ghettos Litzmannstadt sind hier begraben. Wer diesen Teil der Stadt ohne Führung besucht, wählt sich am besten den Gedenkort Radegast und den Friedhof aus. Anschließend kann man entweder durch die zahlreichen Parkanlagen zurück in die Innenstadt laufen oder mit dem Taxi zurückfahren.
Heute ist abseits dieser historischen Orte von der jüdischen Kultur in Łódź nicht mehr viel geblieben; nur noch eine kleine Gemeinde von gut 300 Personen lebt in der Stadt.






Łódź ist grün: Parkanlagen zum Spazieren
Überraschend für uns ist, dass Łódź so grün ist. Fast ein Fünftel der Stadtfläche ist mit Grünflächen bedeckt. Ganze 40 Stadtparks findet man hier. Rund um die Innenstadt liegt ein ganzer Ring von Parks, die zum Spazieren einladen. Unser Favorit (allein schon wegen des Namens) ist der Park Śledzia, der „Heringspark“ (offiziell Park Staromiejski), der seinen Spitznamen dem Geruch verdankt, der beim Bau aus den Kellern abgerissener Fischlagerhäuser aufstieg. Unter dem Park fließt übrigens die Łódka seit über 100 Jahren versteckt in einem unterirdischen Kanal.


Übernachtungstipps für Łódź
Piotrkowska 89 Residence: Moderne Apartments mitten im Zentrum
Superzentral, komfortabel und günstig kann man in Łódź in der Piotrkowska 89 Residence übernachten, zu der man über einen hübschen Hinterhof gelangt, der direkt von der Einkaufsstraße Piotrkowska abgeht. Das Hotel bietet unterschiedlich große Apartments für bis zu vier Personen, mal mit größerer, mal mit kleinerer Küchenzeile, alle modern und niedlich verspielt eingerichtet – wir haben die süße Vogeltapete und die Eichhörnchenkissen unseres Zimmers geliebt! Trotz der Nähe zur trubeligen Piotrkowska übernachtet man hier wirklich sehr ruhig. Wer Frühstück dazubucht, kann morgens im benachbarten Café Jungler eines der soliden Frühstückssets wählen. Direkt im Innenhof des Hotels gibt es zudem einen guten Ramen-Laden. Das Doppelzimmer bekommt man ab knapp 60 € pro Nacht – ein unschlagbarer Preis für die großartige Lage. Absolute Empfehlung!


Vienna House by Wyndham Andel’s Berlin: Luxuriös mit Blick über Manufaktura
Wer es noch etwas luxuriöser möchte und ein Faible für außergewöhnliches Design hat, findet mit dem Vienna House eine tolle Übernachtungsmöglichkeit. Das 4-Sterne-Hotel mit Wellnessbereich ist Teil des Manufaktura-Komplexes, man übernachtet also stilecht in einem der alten Fabrikgebäude von Izrael Poznański und kann vom verglasten Rooftop-Pool sogar das Manufaktura-Areal überblicken. Hier haben wir noch nicht selbst übernachtet, aber haben uns das Hotel schon mal für den nächsten Besuch in Łódź abgespeichert. Je nach Saison bekommt man Doppelzimmer schon ab ca. 100 €.


Wie viele Tage sollte man für Łódź einplanen?
Łódź hat deutlich mehr zu bieten, als man auf den ersten Blick denken mag – zwei bis vier Nächte kann man hier sehr gut verbringen. Mindestens zwei Nächte sollten es auf jeden Fall sein, aber dann wird man sich entscheiden müssen, welche der vielen Museen und Viertel man sich anschaut. Vier Tage und drei Nächte fanden wir ideal. So bleibt genügend Zeit, auch die etwas abseits gelegenen Ecken der Stadt zu erkunden, beispielsweise den jüdischen Friedhof und das ehemalige Ghetto Litzmannstadt oder die ehemalige Scheibler-Fabrik in Księży Młyn. Wer vier Nächte einplanen kann, hat zudem genügend Zeit für eine Stadtführung (zum Beispiel zur jüdischen Geschichte oder den berühmten Hinterhöfen), kann recht entspannt einige der Museen und Fabrikgelände anschauen und morgens ausgiebig in einem der vielen schönen Cafés frühstücken.



Lohnt sich ein Wochenendtrip nach Łódź? Unser Fazit
Ja, ein Städtetrip in die viertgrößte Stadt Polens lohnt sich sehr! Łódź ist keine Stadt, die einem sofort um den Hals fällt, sondern eine, die man sich erlaufen muss und ein absoluter Geheimtipp. Dank der charakteristischen roten Fabrikgebäude, die oft am Abend hübsch beleuchtet sind, der schönen Hinterhöfe und Dichte an Murals sowie einer Museumslandschaft, die viele deutlich bekanntere Städte alt aussehen lässt, haben wir Łódź mit all seinen Sehenswürdigkeiten in nur wenigen Tagen ins Herz geschlossen. Dass die Stadt noch nicht gänzlich durchgentrifiziert ist und auch rauere Ecken mit leicht morbidem Charme hat, hat uns ebenfalls gut gefallen. Noch dazu haben wir in Łódź ausgesprochen gut gegessen – die abwechslungsreiche kulinarische Seite der Stadt werden wir euch bald in einem eigenen Beitrag näherbringen. Ein langes Wochenende ist perfekt, um diese unbekanntere Seite Polens kennenzulernen. Wir kommen bestimmt wieder!

Hinweis/Werbung: Vielen Dank an Łódź Travel, die uns zu diesem schönen Wochenende eingeladen haben. Unsere Meinung bleibt davon unberührt; unsere Begeisterung für die Stadt kam von ganz allein.

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