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Chicago, Gereist, USA

Meine Sightseeing-Highlights in Chicago: zwischen Millennium Park, Wolkenkratzern und Museumsmarathon

Chicago Sehenswürdigkeiten und Sightseeing-Highlights

// Dieser Beitrag enthält unbezahlte Werbung //

Gleichsam der amerikanischen Expansion rücken wir mit unseren USA-Urlauben der letzten Jahre immer weiter nach Westen vor. Nach der Ostküste und den Südstaaten nun also Chicago, Illinois. Dabei war der Trip in die Großstadt am Lake Michigan gar nicht geplant gewesen, aber ein arbeitsbedingter Aufenthalt in St. Louis (noch weiter im Westen), ließ einige Tage in Chicago irgendwie logisch erscheinen. Leider bin ich diesmal alleine unterwegs, erlebe aber trotzdem genug für zwei.

Schon während der Planung, aber noch viel mehr während meines Aufenthalts in Chicago wird mir klar, dass ich die Stadt für viel kleiner gehalten habe, als sie eigentlich ist. 2,7 Millionen Menschen wohnen in Chicago, weitere 7 Millionen in der Region. Das ist für ein Münchner Landei ganz schön groß. Dementsprechend habe ich auch trotz fünf voller Tage und straffem Programm nicht das Gefühl, auch nur in Ansätzen alles gesehen zu haben. Meine Berichte zur Stadt bekommt ihr daher häppchenweise. In diesem Blogbeitrag widme ich mich den Sehenswürdigkeiten Chicagos, Kulinarisches und Craft-Bier folgen ein andermal.

Chicago – meine Sightseeing-Highlights

The Loop und Near North Side

Downtown Chicago entpuppt sich für mich als perfekter Ort, um mit der Erkundung der Stadt zu beginnen. Hier befinden sich die eindrucksvollen Hochhäuser, die Chicago seinen Ruf als Architekturmekka eingebracht haben, hier findet man riesige Kunstwerke im öffentlichen Raum und unzählige Museen, in denen sich viel Zeit verbringen lässt, und natürlich ballen sich hier auch die Einkaufsmöglichkeiten. In den ersten beiden Tagen verbringe ich deswegen viel Zeit in den Hochhausschluchten, die sich von der Roosevelt Road im Süden bis zur Division Street vier Kilometer nördlich ziehen. Doch so toll es ist, hier das volle Großstadtfeeling einzusaugen, bin ich froh, auch die Bezirke außerhalb des Zentrums erkundet zu haben. Doch dazu später mehr.

Chicago The Loop Downtown

Chicago L-Train The Loop Downtown

Chicago L-Train The Loop Downtown

Millennium Park und Cloud Gate

Dass Chicago in den letzten Jahren zu einer Tourismushochburg wurde, hat viel mit der Neugestaltung eines Stücks Brachland am Rande des Loop zu tun. Dort wo heute der Millennium Park die Massen begeistert, war Ende der 90er-Jahre noch eine riesige Baugrube zu sehen. Heute kann man zu Fuß von den Wolkenkratzern zum Wasser laufen und sich dabei von verschiedenen Kunstinstallationen und Gartenabschnitten verzaubern lassen. Die Hauptattraktion ist das weltbekannte Cloud Gate, eine 13 Meter hohe Skulptur von Anish Kapoor. Sehr zum Missfallen des Künstlers hat sich der Spitzname „The Bean“ für die – in der Tat sehr an eine Bohne erinnernde – Installation durchgesetzt, und ein Besuch der Stadt scheint ohne das obligatorische Selfie im sich spiegelnden Edelstahl nicht vollständig. Da tagsüber Hunderte von Menschen auf dem Platz herumwuseln, lohnt es sich, ganz früh am Morgen vor Ort zu sein. Dank Jetlag sitze ich bereits um 7 Uhr in der L-Train und habe kurz darauf die beeindruckende Skulptur fast für mich alleine. Nur vereinzelte Jogger_innen und ein paar ebenso schlaflose Tourist_innen sind schon mit mir auf den Beinen. Nicht verpassen sollte man auch die Crown Fountain, eine Videoskulptur, aus der von Mai bis Oktober Wasser aus den Mündern von auf zwei riesigen Glastürmen projizierten Chicagoer Bürger_innen spritzt. Millennium Park // E Randolph St, Chicago.

Chicago Millennium Park The Loop Skyline

Spiegelung Cloud Gate aka The Bean Chicago Millennium Park The Loop

Cloud Gate aka The Bean Chicago Millennium Park The Loop

Cloud Gate aka The Bean Chicago Millennium Park The Loop

Crown Fountain Chicago Millennium Park The Loop

Calder's Flamingo Skulptur Chicago The Loop

The Art Institute of Chicago*

Ich gebe zu, der Platzhirsch unter den Kunstmuseen hat mich erschlagen. Fast 300.000 Werke von 5.000 v. Chr. bis zur Moderne umfasst die Sammlung des Art Institute of Chicago, darunter auch große amerikanische Klassiker wie Grant Woods „American Gothic“ und Edward Hoppers „Nighthawks“. Damit zählt die Sammlung in Chicago zu einer der größten des Landes, und davon ist wirklich sehr, sehr viel in den unzähligen Ausstellungsräumen neben dem Millennium Park zu sehen. Nachdem ich einige Zeit etwas hilflos in der pompösen Eingangshalle herumgestanden habe, während um mich herum Schulklassen und Tourist_innen hineinströmen, entscheide ich mich für einen radikalen Schritt. Ich werde nur die Bereiche, die sich moderner und zeitgenössischer Kunst widmen, anschauen, mir dafür aber Zeit nehmen. Amerikanische Kunst vor 1900, Altes und sehr Altes aus Asien und Europa fallen damit zwar raus, aber draußen lockt ausnahmsweise mal blauer Himmel, und ich habe das Gefühl, noch längst nicht genug von der Stadt gesehen zu haben. Zwei Stunden später bin ich froh über diese Entscheidung. Ich habe viele für mich neue Bilder und Skulpturen von Jeff Koons, Andy Warhol oder Roy Lichtenstein sehen können und hatte nicht das Gefühl, mich hetzen zu müssen. Wer mit Kindern reist (oder selbst Spaß an interaktivem Museumsgedöns hat), sollte vor der Reise mal einen Blick auf den Journey Maker werfen. Damit kann eine individualisierbare Rallye durch das Museum entworfen werden – ein sehr gelungenes Konzept, finde ich. Fazit: Entweder viel Zeit für das Art Institute mitbringen oder vorher genau überlegen, was man wirklich sehen möchte. The Art Institute of Chicago // 111 S Michigan Ave, Chicago.

Löwen vor dem The Art Institute of Chicago The Loop Kunstmuseum

The Art Institute of Chicago The Loop Kunstmuseum

Andy Warhol Marilyn Monroe The Art Institute of Chicago Kunstmuseum

Charles Ray, Boy, The Art Institute of Chicago Kunstmuseum

Museum of Contemporary Art*

Im Schatten der Hochhäuser der Magnificent Mile finde ich mich am Samstagmorgen vor einem unscheinbaren Gebäude wieder, hinter dessen Fassade sich allerdings eine exquisite Sammlung zeitgenössischer Kunst verbirgt. Gegründet 1967 zeigt das Museum of Contemporary Art vor allem sehr aktuelle Künstler_innen in wechselnden Ausstellungen, die sowohl aus der eigenen Sammlung als auch mit externen Werken bespielt werden. Im Gegensatz zum großen Gegenspieler, dem Art Institute, ist die Ausstellungsfläche angenehm überschaubar. Anderthalb bis zwei Stunden reichen aus, um die drei Stockwerke zu erkunden. Besonders begeistert mich die temporäre Ausstellung zum amerikanischen Fotografen Kenneth Josephson, in der das Spannungsfeld von Fotografie, Fiktion und Realität behandelt wird. Noch länger zu sehen ist die Installation Water falls from my breast to the sky des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto, die sich durch das Treppenhaus zieht und für die sich der Weg ins Untergeschoss lohnt (die Instagramability lässt grüßen!). Ebenfalls im Untergeschoss befindet sich auch das hochgelobte, allerdings auch etwas hochpreisigere und elegantere Restaurant Marisol. Ich erhole mich stattdessen im vorgelagerten Café bei einem hervorragenden Muffin und einem Kaffee von so viel Kunst am Morgen. Museum of Contemporary Art // 220 E Chicago Ave, Chicago.

Chicago Museum of Contemporary Art Kunstmuseum

Ernesto Neto Chicago Museum of Contemporary Art Kunstmuseum

Chicago Museum of Contemporary Art Kunstmuseum

Chicago Museum of Contemporary Art Kunstmuseum

Marisol Chicago Museum of Contemporary Art Kunstmuseum

Museum of Contemporary Photography

Etwas versteckt liegt der Eingang des zum Columbia College gehörenden Museums für Fotografie, sodass ich zunächst in einer Ausstellungshalle des Spertus Institute for Jewish Learning and Leadership zwei Türen weiter lande (wobei ich die aktuelle Ausstellung zum lokalen Künstler Todros Geller ebenfalls sehr spannend finde und mich über meinen kleinen Umweg freue). Dann aber finde ich den richtigen Eingang und kann mir das kleine kostenfreie Museum anschauen, in dem der Fokus auf zeitgenössischer Fotografie gelegt wird. Die Ausstellungen wechseln, sind hervorragend kuratiert und mit 30 bis 45 Minuten eine gute Ergänzung zum Sightseeing im Millennium Park oder zum Shopping im Loop. Ein echter Geheimtipp! Museum of Contemporary Photography // 600 S Michigan Ave, Chicago.

Chicago Museum of Contemporary Photography Kunstmuseum

Chicago Wolkenkratzer The Loop Downtown

Chicagos Architektur entdecken

Schon lange kein Geheimtipp mehr sind die Stadttouren des Chicago Architecture Centers. Mehrmals am Tag starten Touren, die von Überblicksrundgängen bis zu spezialisierten Führungen durch ein einzelnes Gebäude reichen. Ich möchte an meinem ersten Tag in Chicago vor allem einen Überblick über die Stadt bekommen und entscheide mich für die Chicago Icons Tour, bei der Gebäude aus verschiedensten Epochen im Fokus stehen. Den ersten Stopp legen wir an der DuSable-Bridge ein, die Gegend, in der Chicago seinen Anfang als Siedlung und Fort nahm. Von dort aus geht es in gut anderthalb Stunden von Art déco über Modernismus und Brutalismus bis zu zeitgenössischer Architektur und ich lerne nebenbei noch eine Menge über die Stadtgeschichte. Zum Schluss landen wir wieder im Millennium Park, wo der von Frank Gehry entworfene Jay Pritzker Pavilion steht. Ein würdiger Abschluss der Tour, die mit 26 $ allerdings nicht gerade günstig ist. Von Frühjahr bis Herbst ist das beliebteste Angebot übrigens eine Bootstour, bei der man die Stadt noch mal aus einer ganz anderen Perspektive zu Gesicht bekommt. Da viele der Touren in der Hochsaison schnell ausverkauft sind, ist es sinnvoll, schon vorab Onlinetickets für den Wunschtermin zu besorgen. Chicago Architecture Center // 111 E Upper Wacker Dr, Chicago.

Chicago Wolkenkratzer Riverwalk The Loop Downtown

Chicago Marina City Riverwalk The Loop Downtown

Chicago Marina City Riverwalk The Loop Downtown

Chicago Wolkenkratzer Riverwalk The Loop Downtown

Chicago Wolkenkratzer Riverwalk The Loop Downtown

Chicago Riverwalk

Während meiner Stadtführung laufe ich auch ein wenig auf dem erst seit Kurzem renovierten Riverwalk am Chicago River. Diese Promenade schlängelt sich direkt am Wasser entlang und bietet neben Ausblicken auf Schiffe, Brücken und Hochhäuser noch einiges mehr. Überall begrüßen einen Kunstwerke und laden Bänke und Liegestühle zum Ausruhen ein (okay, Ende Oktober ist das vielleicht nicht ganz so verlockend). Der Chicago Brewhouse Riverwalk bietet im Sommer zudem viel Platz, um die zahllosen Craft-Biere lokaler Brauereien zu testen.

Chicago Riverwalk The Loop Downtown

Chicago Riverwalk nachts The Loop Downtown

Chicago von oben: die Aussichtsplattformen 360 Chicago* und Skydeck*

Ich gebe zu, ich hätte noch mehr Zeit in River North, dem Viertel nördlich des Loops verbringen können. Zwar verläuft dort die unter dem Namen Magnificent Mile bekannte North Michigan Avenue, aber Luxuskaufhäuser und große Ketten interessieren mich nicht besonders. Neben Abstechern ins Museum und Stärkungen in Form von Donuts und Pancakes bietet die – allerdings recht imposante – Ansammlung von Hochhäusern für mich nicht viel. Vor meinem Ausflug nach Andersonville bin ich am Sonntagmorgen trotzdem noch einmal dort unterwegs, denn ich will Chicago von oben sehen. Im 94. Stock des John Hancock Buildings findet man mit 360 Chicago eine Plattform, die nicht nur einen tollen 360-Grad-Ausblick über die Stadt und den Lake Michigan liefert, sondern mit TILT auch eine besondere Attraktion bereithält. Gegen einen kleinen Aufpreis hat man die Möglichkeit, in eine Glaskabine zu steigen, die sich dann um 30 Grad nach vorne neigt. Das lasse ich mir natürlich nicht entgehen und blicke kurz darauf über 300 Meter tief in den Abgrund. Eigentlich habe ich keine Höhenangst, aber ein leicht mulmiges Gefühl bleibt trotzdem zurück. Das Fotografieren ist währenddessen übrigens nicht erlaubt – man will sich wohl das Geschäft mit den eigenen, natürlich hochpreisigen Fotos, die währenddessen geschossen und anschließend verkauft werden, nicht nehmen lassen. Etwas schade ist, dass die Aussichtsplattform keine Möglichkeit bietet, nach draußen zu gehen, und man so immer eine Glasscheibe zwischen sich und der spektakulären Aussicht hat. 360 Chicago // 875 N Michigan Avenue, Chicago.

Chicago John Hancock Building 360 Chicago Downtown

Chicago von oben Aussichtsplattform 360 Chicago Downtown

Chicago von oben Aussichtsplattform 360 Chicago Downtown

Chicago von oben Aussichtsplattform 360 Chicago Downtown

TILT 360 Chicago Aussichtsplattform Downtown

Noch höher hinaus geht es auf dem Skydeck, der anderen großen Aussichtsplattform Chicagos, die einen ganz in der Nähe des Bahnhofs in der 103. Etage des Willis Towers (der sicher einigen noch unter dem früheren Namen Sears Tower bekannt ist) aus über 400 Meter Höhe auf die Wolkenkratzer der Stadt blicken lässt. Hierfür nutze ich einen der Tage, an denen sich mal etwas blauer Himmel zeigt, dementsprechend voll ist es trotz Nebensaison und ich muss in den endlosen Korridoren, die zum Aufzug führen, ein wenig anstehen. Oben angekommen vernebeln die Wolken den blauen Himmel fast gänzlich, aber dennoch bietet sich ein toller Ausblick über Chicago und hin zu den Hochhäusern rund um die Michigan Avenue. Auch hier kann leider nur durch große Glasflächen gestaunt und fotografiert werden. Als besonderes Highlight wartet hier The Ledge, Glasboxen, die wie ein Balkon über den Abgrund ragen, und das Selfie-Highlight schlechthin sind. Entsprechend lang ist die Schlange am frühen Mittag und so komme ich leider nicht in den Genuss, mich mehrere hundert Meter über dem Abgrund zu fotografieren. Skydeck Chicago // 233 S Wacker Dr, Chicago.

Chicago von oben Skydeck Aussichtsplattform Downtown

Chicago von oben Skydeck Aussichtsplattform Downtown

The Ledge Chicago von oben Skydeck Aussichtsplattform Downtown

Foto links: The Ledge / Courtesy of Skydeck Chicago at Willis Tower

Fazit: Welche der beiden Aussichtsplattformen man für einen Ausblick über Chicago besucht, ist eigentlich egal, hier kommt es ein wenig darauf an, welchen Teil der Skyline man sich ansehen und fotografieren möchte. Sympathisch finde ich allerdings, dass man beim Skydeck für die Zusatzattraktion The Ledge nicht noch mal extra bezahlen, sondern nur anstehen muss.

Pilsen

Chicago ist allerdings so viel mehr als nur Wolkenkratzer zwischen dem Loop und der Magnificent Mile. Die Millionenstadt bietet auch einige Metrostationen abseits des Zentrums spannende Stadtviertel und Sehenswürdigkeiten. Besonders begeistert mich Pilsen, das Viertel in der Lower West Side, in dem ich im Hinterzimmer einer kleinen Kunstgalerie übernachte. Forbes hat das Viertel, das heute vor allem von mexikanischen Einwanderer_innen und Künstler_innen geprägt ist, erst kürzlich als eine der 12 coolsten Nachbarschaften der Welt bezeichnet, wie mir stolz berichtet wird. Entlang der zentralen West 18th Street reihen sich Plattenläden (mein Tipp für Indierock: Pinwheel Records), Galerien, mexikanische Bäckereien, bis spät in die Nacht geöffnete Taquerías, Bars und Secondhandläden aneinander. Am besten fährt man mit der Pink Line bis zur bunt bemalten Station 18th Street und lässt sich durch die Gegend treiben. Dabei unbedingt auch mal einen Blick in die Seitenstraßen werfen, denn überall verstecken sich hier riesige bunte Murals. Dank der guten Anbindung durch L-Train und Bus eignet sich das Viertel als Standort für alle, die gerne (zumindest für Chicagoer Verhältnisse) etwas günstiger wohnen und eine andere Seite von Chicago kennenlernen möchten.

Chicago Frida Kahlo Mural Pilsen

Chicago Mural in Pilsen Hector Duarte Gulliver in Wonderland

Chicago Pilsen Día de los muertos Deko

Chicago Pilsen Türenschmuck Día de los muertos

Chicago Pilsen Mural Streetart

National Museum of Mexican Art

Der Weg in den Süden lohnt sich schon für eines der ungewöhnlichsten Museen der Stadt. Das Museum für mexikanische Kunst liegt kaum zehn Minuten von der Metrostation entfernt und ist erfreulicherweise auch noch kostenlos. Ich habe das Glück, rund um den Día de los Muertos in der Stadt zu sein, und finde ein gesamtes Haus mit Angeboten zu diesem zentralen mexikanischen Feiertag vor. Überhaupt ist das Museum sehr gut besucht, viele Familien mit Kindern sind unterwegs, und die Stimmung ist deutlich lockerer, als ich es von üblichen Kunstmuseen gewohnt bin. Die knallbunte Ausstellung verbindet Kunst mit Informationen zu mexikanischen und migrantischen Identitäten und schlägt so einen Bogen von den Azteken bis zur Gegenwart. Eine gelungene Abwechslung zu den großen Museen der Stadt, die man in dieser Fülle in Deutschland sicher nicht zu sehen bekommt. Als Bonus stehen vor dem Museum zudem viele kleine Essensstände, an denen mexikanische Spezialitäten angeboten werden. Dort hole ich mir eine Portion Elote – die Mischung aus Mais, Sahne, Käse und Chili habe ich erst zwei Tage zuvor kennengelernt und der Becher wärmt mich, während ich in den Straßen rund um das Museum die für Halloween und den Tag der Toten dekorierten Häuser bestaune. National Museum of Mexican Art // 1852 W 19th St, Chicago.

Make Tacos not war National Museum of Mexican Art Chicago Pilsen

Mexikanischer Totenkopf National Museum of Mexican Art Chicago Pilsen

Mexikanische Calaveras Totenköpfe National Museum of Mexican Art Chicago Pilsen

Mexikanisches Elote National Museum of Mexican Art Chicago Pilsen

Andersonville

Ein gutes Stück weiter raus als Pilsen, liegt im Norden Chicagos Andersonville, einst das Viertel schwedischer Einwanderer_innen. Ich setze mich nach einer großen Portion Pancakes und Wolkenkratzer an der Magnificent Mile in einen Expressbus und gelange in gut 30 Minuten an die Kreuzung West Foster/North Clark. Hier sieht es gar nicht mehr nach Metropole aus, vielmehr kommt es mir vor, als wäre ich in einer Kleinstadt gelandet. Niedrige Backsteinhäuser bestimmen das Straßenbild: Boutiquen, alternative Buchhandlungen und Secondhandläden wechseln sich mit hippen Restaurants und Bars ab – alleine für das kulinarische Angebot lohnt sich der Weg hierher. Für Bierliebhaber_innen dürfte vor allem die Brauereidichte in fußläufiger Umgebung ein schlagendes Argument für einen Ausflug in den Norden sein, aber dazu mehr ein andermal. Gerne hätte ich die umliegenden Straßen noch mehr erkundet, denn die Häuser der angrenzenden Wohnviertel haben sich besonders schön für Halloween zurechtgemacht, aber der andauernde Nieselregen treibt mich auf direktem Wege zur ersten Brauereiführung und wenig später ins Theater.

Chicago Andersonville geschmücktes Haus an Halloween

Chicago Andersonville geschmücktes Haus an Halloween

The Neo-Futurists Theater

Bis kurz vor Beginn der Vorstellung weiß ich ehrlich gesagt nicht so wirklich, was mich bei meinem Theaterbesuch erwarten wird. Das Neo-Futurists Theater begegnete mir mehrfach auf Listen von Dingen, die man als Chicagoer_in mal getan haben müsste, und die Beschreibung der Theaterstücke klang interessant. Als ich das Gebäude betrete, wird mir klar, dass das Ganze noch etwas mehr Untergrund ist als erwartet. Wer die bürgerliche Plüschigkeit deutscher Stadttheater vor Augen hat, wird wahrscheinlich rückwärts wieder aus der Tür fallen. Wer sich aber auf das ruppige Spektakel einlässt, wird mit einem unterhaltsamen Abend belohnt. Das beginnt mit dem Erwürfeln des Eintrittspreises (wer wie ich sichergehen will, kauft das Ticket vorher online) und der Tatsache, dass das Ensemble gleichzeitig auch den Einlass regelt. „The Infinite Wrench“ steht für diesen Abend auf dem Spielplan, bei dem die Schauspieler_innen 30 (!) Theaterstücke in 60 Minuten vorführen. Das hektische Ergebnis lässt sich irgendwo zwischen avantgardistischer Probebühne, Kunstperformance und Stand-up-Comedy verorten, und ist vor allem keine Sekunde langweilig. Die Stücke sind oft persönlich, fast immer politisch, feministisch, wild, manchmal witzig, manchmal tragisch und ab und zu muss auch das Publikum ran (ich sag nur „Bienentanz“). Anschließend bringt mich der Bus zurück nach Pilsen – 50 Minuten durch das nächtliche Chicago eröffnen noch mal ganz neue Blicke auf die Stadt und lassen viel Zeit zum Verarbeiten des eben Erlebten. The Neo-Futurists // 5153 N Ashland Ave, Chicago.

Chicago Andersonville Neo-Futurist Theater

Logan Square / Wicker Park

Während Pilsen noch mitten im Gentrifizierungsprozess steckt, haben die nordwestlichen Stadtviertel Logan Square und Wicker Park das schon lange hinter sich. Mittelpunkt der beiden angrenzenden Stadtteile ist die North Milwaukee Avenue. Besonders zwischen den L-Train-Stationen Division und Damen und weiter oben zwischen California und Logan Square treffe ich auf reihenweise kleine und große Geschäfte, Restaurants und Bars. Besonders für Plattensammler_innen lohnt sich die Gegend, denn mit Shuga Records und Reckless Records liegen hier zwei der besten Läden der Stadt fast nebeneinander. Als mir nach etwas Ruhe ist, gönne ich mir einen Spaziergang im längsten Park der Stadt. Der Bloomingdale Trail (bzw. The 606) befindet sich, ähnlich wie die High Line in New York, auf einer aufgegebenen Bahnstrecke und zieht sich über vier Kilometer von Osten nach Westen durch Chicago. Es gibt regelmäßige Aufgänge, sodass man die Länge seiner Wanderung selbst bestimmen kann.

Greetings from Chicago Mural Logan Square

Chicago Wicker Park Café

Chicago Mural Wicker Park

Chicago Bloomingdale Trail The 606 Park Wicker Park

Skokie

Wer ein Auto zur Verfügung und einen halben Tag Zeit hat, kann nach Skokie, einen Vorort von Chicago, rausfahren. Aufgrund der Nähe zum O’Hare-Flughafen lohnt sich der Abstecher auch, um am letzten Urlaubstag noch einige Stunden dort zu verbringen. Gerade zum Einkaufen eignet sich die Gegend gut, überall finden sich die typischen amerikanischen Ansammlungen von Outlets, riesigen Supermärkten und Einkaufszentren.

Illinois Holocaust Museum and Education Center

Mein eigentlicher Grund für die 30-minütige Fahrt gen Norden ist allerdings ein beruflicher Termin in einem Museum. Ich will das 2009 eröffnete Illinois Holocaust Museum and Education Center besuchen, das seit Kurzem eine spannende neue Ausstellung beherbergt. In der Survivor Stories Experience werden nicht einfach Interviews von Überlebenden des Holocausts gezeigt, sondern sechs wechselnde Personen sind in Form eines Hologramms anwesend. Nach einem kurzen Einführungsfilm erscheint eine 3D-Projektion von Fritzie Fritzshall, die u. a. das KZ Auschwitz überlebt hat. Nun kann das Publikum Fragen stellen, die wiederum von einer Spracherkennung verarbeitet und auf der Basis von 22 Stunden Interviewmaterial beantwortet werden. Technisch ist das sehr beeindruckend, und auch die Möglichkeit, so mit einer Überlebenden weitaus interaktiver in Kontakt treten zu können, als über ein normales Videointerview, ist toll. Aktuell gibt es eine solche Installation in Deutschland noch nicht zu sehen, wer sich also für das Thema interessiert, kann im Illinois Holocaust Museum die erste öffentliche Präsentation dieser Technik erleben. Die reguläre Ausstellung schaue ich mir eher im Schnelldurchlauf an, aber wer entsprechende Museen oder Gedenkstätten noch nicht besucht hat, bekommt hier einen guten Überblick zur Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocausts. Illinois Holocaust Museum // 9603 Woods Dr, Skokie.

Illinois Holocaust Museum and Education Center Skokie

Illinois Holocaust Museum and Education Center Skokie Survivor Stories Experience

Mehr zur kulinarischen Seite Chicagos und zur Craft-Bier-Szene der Stadt lest ihr hier in Kürze.

Hinweis: Zu den mit Sternchen (*) markierten Attraktionen habe ich kostenfreien Einritt erhalten. Meine Meinung bleibt davon, wie immer, unberührt – Chicago hat mich ganz von allein begeistert.

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2 Kommentare

  • Reply Iris

    Hallo Steffen,
    spannend. Kai und ich waren ja 2008 (ah-so lange schon) in Chicago und jetzt habe ich gerade den Eindruck, wir haben gar nichts gesehen. Stimmt natürlich nicht, einfach nur viele andere Sachen, viel Architektur. War ja quasi auf den Spuren von Mies von der Rohe dort. Jetzt habe ich den Eindruck einiges verpasst zu haben und will direkt wieder hin. Aber das kennst ihr sicher auch.
    Liebe Grüße an euch zwei aus Wiesbaden
    Iris

    8. Januar 2019 at 10:57
    • Reply Steffen

      Liebe Iris,
      wie schön, von euch zu lesen. Das wusste ich gar nicht, dass ihr auch schon da wart. Ich glaube, ich habe nur ein Van-der-Rohe-Haus gesehen, aber ich muss mir ja auch noch was für den nächsten Besuch aufheben. Ich habe nämlich wirklich den Eindruck, noch zu viel verpasst zu haben…
      Liebe Grüße zurück
      Steffen

      13. Januar 2019 at 16:04

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